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Ein
Gespräch mit dem NPD-Aussteiger und Mitarbeiter der Aussteigerinitiative
EXIT, Matthias Adrian (Teil I)
Der Lebenslauf von Matthias Adrian ist gespalten: In seinem alten Leben
glaubte er an rechtsextreme Parolen und Weltbilder und war aktives Mitglied
der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD. Heute
engagiert sich Adrian gegen Rechtsextremismus: Er betreibt
ausstiegsorientierte Jugendarbeit bei der Aussteigerinitiative EXIT. Die
rechtsextreme Weltanschauung ist sein Lebensthema geblieben. Seine Arbeit
sieht er als Wiedergutmachung – an der Gesellschaft und an sich selbst.
bpb: Herr
Adrian, Sie waren von 1997 bis 2000 aktives Mitglied bei den Jungen
Nationaldemokraten (JN), der
Jugendorganisation der NPD. Verfassungsschützer schätzen die JN als
rechtsextrem ein, mit starkem neonazistischen Potential. Wieso haben Sie in
diesem radikalen Umfeld ihre politische Heimat gefunden?
Adrian: Ich komme aus einem sehr
konservativen Elternhaus, wo gewisse Vorstellungen üblich waren – zum
Beispiel solche über die "saubere Wehrmacht" oder dass nicht alles schlecht
war im Dritten Reich. Ich bekam Probleme in der Schule, als ich meinen
Lehrern gegenüber solche Äußerungen machte. Das fing an mit zehn oder elf
Jahren. Vielleicht hätten sich meine Lehrer anders mit mir auseinandersetzen
müssen – so bekam ich bald die Antworten auf meine Fragen aus rechten
Publikationen wie der "Nationalzeitung". Dort fand ich eine Erklärung, warum
die Lehrer etwas anderes erzählten als mein Opa, der ja Zeitzeuge war: Seit
1945 werde das deutsche Volk umerzogen und Medien und Lehrer stecken unter
einer Decke. Für mich war klar: Der Lehrer will mich umerziehen.
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bpb: Damals waren Sie noch sehr
jung. Von dort ist es ein weiter Schritt bis zum JN-Beitritt mit Anfang
20.
Adrian: Das war eine langfristige
Entwicklung. Durch den ständigen Kontakt mit den Medien der
rechtsextremen Parteienlandschaft kam es dazu, dass ich ein rechtes
Weltbild aufgebaut habe. Mit 14 Jahren habe ich meine erste
Kameradschaft – oder was ich damals dafür hielt – gegründet. Das war so
ein Zwischenspiel, in der Pubertät hat mich Politik nicht sehr
interessiert. Aber etwa mit 21 Jahren habe ich festgestellt: Das ist
meine Meinung, und ich muss jetzt eine Art Sprachrohr dafür finden.
Durch die ständige Selbstindoktrination war ich sehr radikal geworden,
nationalsozialistische Ideologiemomente wurden wichtig. So blieb für
mich nur die NPD als radikalste Kraft übrig.
bpb: Und dann haben Sie sich
irgendwann bei der NPD vorgestellt?
Adrian: Erste Kontakte kamen über
Demos. Da hat man Leute kennen gelernt, auch solche in
Führungspositionen. Mit dem Mitläuferumfeld, also mit den Skinheads und
so, konnte ich nie etwas anfangen. Die waren zu weit weg von meiner
konservativen Wertewelt. Für mich war das unmöglich, dass man als
Deutscher mit Jeans rumläuft. Auch das Sozialverhalten in der
Skinheadszene sprach mich nicht an. Ich bekam relativ schnell Kontakt
mit der ideologischen, mit der so genannten Scheitel-Szene. Ideologisch
war ich da schon auf einem hohen Level, weil ich seit dem 13. Lebensjahr
fast nur aus rechten Quellen geschöpft habe.
bpb: Sie sind schnell integriert
worden?
Adrian: Ich wurde auf einen
Schulungsabend eingeladen, und der ging dann den Schritt weiter, den die
"Nationalzeitung" nicht gehen kann, um legal zu bleiben. Da wurde über
die zionistische Weltverschwörung, die Kapitalverschwörung des
Weltjudentums unterrichtet. Ich begann dann auch, Gastartikel in
Szenezeitschriften zu schreiben. Und irgendwann hieß es: Wir bauen in
Hessen einen neuen Landesverband auf, und ich könne dort eine Funktion
übernehmen und mich mehr politisch betätigen.
bpb: Sie waren im Landesvorstand
der JN in Hessen. Was waren ihre Aufgaben?
Adrian: Zunächst war ich
Ordnerdienstleiter. Ich habe immer spöttisch gesagt, ich bin
Glatzendompteur. Ich habe darauf geachtet, dass sie auf Demos
Viererreihen bilden, nicht anfangen, den rechten Arm zu heben oder
verbotene Parolen zu grölen. Aber ich habe auch im Vorfeld von
Parteifeiern mitgewirkt, mal einen Kranz für den
Rudolf-Hess-Gedenkmarsch besorgt oder Plakate in Auftrag gegeben. Mir
wurde dann die Landesorganisation für Südhessen angetragen. Als später
einmal ein V-Mann kam und sagte, der Verfassungsschutz möchte ihn
anwerben, war ich zum Beispiel dafür verantwortlich, welche
Informationen er weitergeben darf und dass das Geld an die Parteikasse
abgeführt wird.
bpb: Die Ausschwitz-Leugnung oder
das Zeigen nationalsozialistischer Symbole stehen unter Strafe. Wurden
Sie mit solchen Straftaten konfrontiert?
Adrian: Ja, ich habe sie selbst
begangen. Offiziell wird sich die NPD immer von Straftaten distanzieren
und sie werden auch nicht direkt von der NPD angeordnet. Aber sie kommen
halt immer wieder aus dem Umfeld. Es gibt Schulungen, die sich mit
Holocaust-Leugnung oder mit antisemitischen Themen beschäftigen. Die
werden nicht als offizielle NPD-Schulungen abgehalten, obwohl die
Mehrheit dort NPD-Mitglieder sind. Die Partei hat gelernt, nicht
unbedingt Verbotsgründe zu liefern. Wenn man unter sich war, wurde
Tacheles geredet. Da wurden Hitlergeburtstage gefeiert, wo komplette
NPD-Landesvorstände mit NSDAP-Parteizeichen und Armbinde herumsaßen.
bpb: Ist die NPD eigentlich
ideologisch, wird da viel theoretisch gearbeitet?
Adrian: Ja sehr. Ich denke, es ist
die einzige rechtsextreme Partei, die auch wirklich eine ideologische
Ausrichtung hat, die extrem demokratiefeindlich ist. Ganz oft wird bei
der NPD von der "Reichsidee" gesprochen. Das heißt, sie wollen wieder
ein deutsches Reich aufbauen und das wird auf keinen Fall in
demokratischen Strukturen ablaufen. Es gibt enge Verflechtungen mit dem
Thule-Seminar vom Pierre Krebs. Dann ist da der Chefideologe der NPD,
Herbert Schweiger aus Österreich, der selbst aus der SS kommt, und auch
das Deutsche Kolleg von Horst Mahler hat Einfluss.
Quelle:
Bundeszentrale für politische Bildung
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