Verdener Weg

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Widerstand hat einen neuen Namen:
Verdener Weg

Die Kleinstadt Verden wehrte sich erfolgreich gegen einen Aufzug von Rechtsextremisten aus dem Umfeld der NPD.


Von Holger Kulick

Ungewöhnlich einfallsreich haben am 2. April etwa 5000 Bürger und mehr als 1500 Schüler aus Verden einem Aufzug der niedersächsischen NPD die Schau gestohlen, sogar mit Backwerk.

Via Homepage hatte Verdens Bürgermeister alle Vereine und Organisationen seiner Stadt aufgerufen, "mit Herz und Verstand" den demokratiefeindlichen Rechtsaußen zu begegnen - im Rahmen eines lebensfrohen Volksfests für die Demokratie. Als Reaktion auf den Eifer von Verdens Bürgerschaft trauten sich höchstens 150 Neonazis nach Verden, wo sie isoliert blieben. Vorab sprach mut-gegen-rechte-gewalt.de mit Bürgermeister Lutz Brockmann (SPD), der in den Aktionen seiner Stadt auch ein Rezept für andere Kommunen sieht:

Herr Brockmann, Verdens Aktionstag am 2. April gegen Rechtsextremismus. Warum?

Seit zwei, drei Jahren hat es in unserer gesamten Region ein Bündel rechtsextremistischer Bestrebungen und Vorkommnisse gegeben, die hier viele Bürger sehr hellhörig gemacht haben. Auch der dubiose Kauf des Heisenhofs im nahe gelegenen Dörverden durch den Rechtsextremisten Jürgen Rieger vor einem Jahr gehört dazu. Nicht nur nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes ist Verden zum Kern einer Zielregion für Rechtsextremisten geworden. Als ich nun die NPD-Demonstrations-Ankündigung sah, habe ich mich gefragt, wie kann man aktiv und kreativ gegen den Rechtsextremismus vorgehen? Gibt es Formen, die möglichst viele Menschen in der ganzen Breite der Gesellschaft ansprechen, ob im Sportverein oder Altersheim, in jungen Bands genauso wie in Kirchenchören.


Sogar ganz vorne auf der Homepage Verdens wurde zu diesem Aktionstag aufgerufen. So etwas trauen sich nicht viele Bürgermeister einer Stadt.
Schade. Unseren Aufruf habe ich initiiert, weil es mir wichtig war, dass die Demokraten in dieser Stadt zeigen, dass sie die Mehrheit stellen. Wir müssen auch anschaulich machen,  auf welchen Werten eigentlich das Wohlergehen dieser Gesellschaft beruht - Werte, die kein Naturprodukt sind, sondern täglich neu mit Überzeugungskraft gelebt und verteidigt werden müssen.
 

Wieviel Naserümpfen gehörte denn zum Echo?
Überhaupt keines. Es gab sehr schnell sehr viele tolle Ideen, das war überwältigend. Das reicht von Zeitzeugengespräche in Altersheimen bis hin zu Jugendtanz, Box-Sparring, speziellen Musikperformances oder Theateraufführungen. Auch die Zeitungen vor Ort beteiligten sich in ausgesprochen vielseitiger Form. Viele Initiativen haben sich prompt gegenseitig beflügelt. Schnell standen mindestens 110 Programmpunkte fest, die wir schon am Vorabend des 2. April mit einer Auftaktveranstaltung eingeleitet haben. Am Samstag selbst wird von 11 bis 16 Uhr rund um unsere Fußgängerzone präsentiert und diskutiert, was sich Bürger und Bürgerinnen haben einfallen lassen und mit einer Abendveranstaltung klingt Verdens Aktionstag gegen Rechtsextremismus anschließend aus.


Wie reagierten denn Ihre Politiker-Kollegen?
Die Rückendeckung war auf Anhieb durch die Bank komplett. Ausnahmslos alle, auch rechte Demokraten befürworteten den Tag. Auf diese Unterscheidung legen wir Wert: rechte Demokraten gehören zum Meinungsspektrum einer Demokratie. Mit Rechtsextremisten wollen wir jedoch nichts zu tun haben, also mit Leuten, die diese Demokratie verachten und ihre Werte wie Toleranz und Menschenwürde nicht achten.



Fühlte sich denn die NPD herausgefordert?
Die NPD klagte  sogar vor Gericht. Sie behauptet, ich und die Stadtverwaltung dürften nicht zu einem solchen demonstrativen Aktionstag aufrufen. Doch da täuscht sie sich. Denn ich habe als Bürgermeister meinen Amtseid auf die Verfassung geschworen - und genau die verteidige ich mit unserem Aufruf. Die Klage wurde dann auch mangels Erfolgsaussichten zurückgezogen.

Ein Aktionstag ohne reine Gegendemonstration?
Doch, auch. Ein Schülerbündnis hat dazu aufgerufen und das finde ich auch gut. Jeder und jede Gruppe soll schließlich seine eigene Idee einbringen. Mit Herz und Verstand gegen Rechtsextremismus, darauf kommt es uns an! An Schulen in Verden wird das schon länger sehr einfallsreich vorgemacht. Es gibt sogar extra braune Mülltonnen für braune Propaganda. Aber wir dürfen nicht nur von unseren Schülern solche Zivilcourage verlangen, sondern auch wir Erwachsenen müssen zeigen, dass wir es ernst meinen, gegen Extremismus zu sein. Das Wie allerdings, darf auch sehr lebensfroh sein.

In anderen Kommunen, wie kürzlich in Dessau, war ein Bürgermeister ganz anderer Meinung. Er plädierte dafür, Rechtsextremisten lieber gemeinschaftlich zu ignorieren.
Das lässt sich nicht durchhalten und führt auch zu nichts, weil man auf diese Weise die eigenen Werte nicht deutlich macht und weitergibt. Schauen Sie: Im Rahmen einer Schuloffensive haben Rechtsextremisten sogar Schüler in Verden bedroht, wenn sie ihre Propaganda nicht annehmen. So etwas kann man nicht durch Weggucken lösen! Und die Vereine, Bürger und Geschäftsleute bei uns wissen auch: in einem braunen System mit Gleichschaltung gäbe es auch ihre Vielfalt und Freiheit nicht mehr. Aber Verden ist bunt.

Ziehen die Neonazis denn jetzt durch ein Spalier gutgelaunter Gegeninitiativen?
Nein, ihnen wurde eine Route zugeteilt außerhalb des Zentrums und selbstverständlich wird genügend Polizei dafür sorgen, dass sie Verdens Volkfest der Demokratie nicht stören.

Fürchten Sie Krawalle durch gewaltbereite Gegendemonstranten aus dem linken Spektrum?
Solche alten Reaktionsmuster halte ich für langweilig und einfallslos. Ich kann mir vorstellen, dass unser Verdener Weg viel erfolgreicher wird und  eventuell zureisende Antifa-Gruppen das auch einsehen werden.


Auf kreativen Gegenprotest reagieren Neonazis oft gereizt und rufen wieder und wieder zu Protesten auf, allein um die Stadtväter zu ärgern. Wie groß ist die Gefahr, dass der Verdener Weg vom 2. April nur ein einmaliger bleibt, so, wie vielerorts 'Aufstände der Anständigen' schnell verpufft sind?
Da mache ich mir keine Sorgen. Quer durch die ganze Stadt ist die Resonanz auf unsere Planung so umfangreich, dass ich sicher sein kann, dass sich immer wieder genügend wache und sensibilisierte Bürger und Initiativen melden werden, um Demokratieverteidigung in ähnlicher oder anderer Form zu wiederholen.

Betrachten Sie den Verdener Weg auch als Vorbild für andere Kommunen bis hin zur Bundeshauptstadt, die nur sehr zögerlich auf NPD-Planungen für den 8. Mai reagiert?
Jede Stadt muss ihren spezifischen Weg finden, die Werte unseres Gemeinwesens nicht nur zu lehren, sondern auch zu leben. Auch Berlin wird das tun. Wir stehen mit unserer Erfahrung natürlich auch anderen Gemeinden, die Rat im Umgang mit Rechtsextremisten suchen, zur Verfügung. Und tatsächlich stellen wir jetzt schon fest, dass unser Weg offenbar auch Ausstrahlung hat. Denn Rückmeldungen haben wir nicht nur aus unserer Stadt. Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, ein Netzwerk von Kommunen zu bilden, denen es ähnlich geht, wie uns.

Also keine Sorge dass es am Ende heißt: Wir tun etwas gegen Rechtsextremismus, aber keiner geht hin?
Nein, Verden geht hin. Und ich bin froh: andere auch.

Tatsächlich nahmen am Ende mehr als 5000 Bürger an dem Geschehen teil, während die wenigen isolierten Neonazis auf ihrer Kundgebung hilflos über die "Exorzisten" der Stadtverwaltung lamentierten. Exorzisten? Das würde ja bedeuten, dass sie sich tatsächlich als teuflisch betrachten, grinste Verdens Bürgermeister am Rande. Mehr Informationen unter: www.verden.de. Zur website des Schülerbündnisses: kontrasst.

Zeitgleich demonstrierten etwa 6000 Menschen in München gegen rund 300 Neonazis, berichtet der Bayrische Rundfunk-online >klick.
© mut-gegen-rechte-gewalt.de - 2.04.2005

 

 

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Stand: 16. März 2010.